Projektmanagement im Projekt – klassisch oder agil

Auf welcher Basis entscheiden Sie, mit welcher Projektmanagement-Methode ein Projekt realisiert werden soll? Aus dem Bauch heraus? Persönliche Vorlieben? Unternehmenskultur? Oder objektive Analyse?

Für alle, die sich im Unklaren sind (oder nach dem ersten Absatz ertappt fühlen), haben wir ein paar objektive Methoden zur Bewertung rausgesucht. Einschränkend sei hier gleich vorweggenommen, dass diese Auswahl weder den Anspruch hat, die Herausforderungen der gesamten PM-Welt zu lösen, noch die einzig wahren Methoden darstellt oder per Schwarz-Weiß-Denken ein eindeutiges "so musst Du es machen" als Ergebnis liefert. Vielmehr geht es um eine Idee, sich einer Entscheidung durch Abklopfen der Rahmenparameter zu nähern. Besser, als sich per se gleich mit dem vorgefertigte Werkzeugkoffer an die Umsetzung zu machen.

Stacey Matrix

Die ursprünglich von Prof. Ralph Douglas Stacey entwickelte Idee ist relativ einfach zu lesen. Das Projekt wird nach den zwei Achsen WAS und WIE verortet. Je nebulöser das Projektziel ist (hier spielt die Auftragsklärung eine entscheidende Rolle), desto höher auf der Y-Achse (WAS) wandert der Punkt. Auf der X-Achse (WIE) wandert der Punkt weit nach rechts, wenn unklar ist, mit welchen Mitteln das Projektziel erreicht werden kann.

Wo im Koordinatensystem befindet sich nun Ihr Projekt? Im Bereich der mit "klar / simpel" betitelt ist, bieten sich Standard-Prozesse an. Ist mit Anpassungen am Ziel zu rechnen oder nicht auf den ersten Blick klar, wie das Projekt umgesetzt wird, wird es komplizierter. Hier spielt das planungsorientierte klassische Projektmanagement seine Stärken aus. Kommen Sie in den komplexen Bereich mit vielen Variablen, sind die kurzen Sprints des agilen PM unschlagbar.
Landen Sie im chaotischen Bereich? Dann nix wie weg!


Interessant wird es, wenn ein Projekt auf der X-Achse einen hohen Wert einnimmt, sprich unklar ist, wie ein Ziel erreicht werden soll. Ist es an der Stelle sinnvoller/wirtschaftlicher, fehlende Kompetenzen extern einzukaufen oder das Wissen durch "Versuch und Irrtum" aufzubauen. Könnte dann ein Transfer auf zukünftige Projekte gelingen? Könnten diese dann auch klassisch abgewickelt werden? 

Cynefin Framework

Dave Snowden entwickelte bereits 1999 das Cynefin Framework. Hier stellt sich die Frage nach Ursache und Wirkung. Die einzelnen Frames sind wie folgt beschrieben:

  • Simpel: Klar zu erkennender, offensichtlicher Auftrag => klare Vorgehensweise => Standard-Prozess
  • Kompliziert: Mit Expertenwissen können Ursache und Wirkung / Ziel und Weg dorthin identifiziert werden => klassisches PM
  • Komplex: Rückblickend sind Ursache und Wirkung klar => gefragt sind kreatives Probieren und Lernen => agiles PM
  • Chaotisch: Akute Krise... keine Idee von Ursache und Wirkung! => jetzt funktionieren klare ad hoc Anweisungen, um schnell Herr der Lage zu werden
  • Unklar: Die aktuelle Situation kann nicht eingeschätzt werden => noch nicht loslegen und lieber weitere Informationen sammeln oder das Projekt so zerlegen, dass eine klare Zuordnung getroffen werden kann. 


Interessant an diesem Modell ist die Idee, dass die "Grenze" zwischen den einzelnen Bereichen durchlässig sein kann. Sprich Aufgaben und Problem können sich im Lauf des Projekts verschieben (durch gemachte Erfahrungen, Einflüsse von Außen...). Fatal ist die Grenze zwischen "Simpel und Chaotisch". Hier spricht Snowden von einem Kliff / einer Abbruchkante: Die scheinbare Sicherheit und Übersichtlichkeit eines Standardprozesses verleitet dazu, einen blinden Flecken für aufkommende Veränderungen zu übersehen oder zu ignorieren. Scheinbar plötzlich funktionieren diese Standards nicht mehr und die Aufgaben / Probleme brechen in den chaotischen Bereich ab. Disruptive Technologien / Ideen sind das beste Beispiel für solche Ereignisse.

COMENO – Projektfragebogen

Neben der Verortung Ihres Projekts in der Matrix und dem Framework haben wir noch einen kleinen COMENO Projekt-Fragebogen aus unserem Praxiseinsatz zusammengestellt. Welche Antwort passt hier am besten zu Ihrem Projekt?

Komplexität - Stacey Matrix

Ergebnis A B C D
Wie bekannt und stabil sind der Markt und die Kundenanforderungen an das Produkt? Die Anforderungen sind bekannt und während der voraussichtlichen Entwicklungszeit stabil. Die Anforderungen sind weitesgehend bekannt und es sind tragbare Veränderungen während der Entwicklungszeit zu erwarten. Die Anforderungen existieren mindestens als Vision und können teils formuliert werden. Die Anforderungen existieren mindestens als Vision und können teils formuliert werden.
Wie bekannt sind die einzusetzenden Technologien, die das Produkt erfordert? Sehr gut bekannt, die Technologien wurden bereits im Unternehmen eingesetzt. Es gibt im Unternehmen wenige Experten, die mit der Technologie schon gearbeitet haben. Die Technologie ist bereits erfunden, aber im Unternehmen noch nicht erprobt. Die technische Umsetzung muss noch erforscht werden.

Business Model

Ergebnis A B C D
Haben wir Erfahrung mit der Wertschöpfungskette?
(WIE stellen wir das Produkt her?)
Sehr viel Erfahrung Viel Erfahrung Wenig Erfahrung Keine Erfahrung
Ist die Ertragsmechanik klar?
(Wie erzielt das Produkt einen WERT für das Unternehmen?)
Völlig klar Zum größten Teil klar Teilweise unklar Völlig unklar
Haben wir Erfahrung mit der Kundengruppe?
(WER sind unsere Zielkunden?)
Sehr viel Erfahrung Viel Erfahrung Wenig Erfahrung Keine Erfahrung

Life Cycle Management

Ergebnis A B C D
Ist es geplant oder absehbar, dass das Produkt oder Produktkomponenten nach einem Launch weitere up-dates erfahren soll? Das Produkt oder Produktkomponeten sind einmalig, es sind keine Updates geplant. Das Produkt oder die Produktkomponenten sind zwar einmalig, Updates sind aber möglich. Es ist geplant innerhalb des Produktes oder der Produktkomponenten mit mehreren Updates zu arbeiten. Die Anzahl der Updates ist nicht annährungsweise erfassbar, die Wahrscheinlichkeit für Updates ist hoch.
Ist ein früher Ist ein früher Markteintritt eines Produktes, dass noch nicht alle gewünschten Eigenschaften zeigt, möglich oder notwendig? Nein, ein Produkt mit eingeschränkter Funktionalität wird nicht akzeptiert oder ist nicht möglich. Möglich, die Kernfunktionalitäten und weitere Features müssen weitesgehend gegeben sein. Empfohlen, die Kernfunktionalitäten bieten bereits einen Mehrwert, weitere Features und Verbesserungen können folgen. Unklar, es ist nicht bekannt welche Funktionalität den größten Mehrwert bietet.

Auswertung

In welchen Spalten liegen Ihre Antworten?

  • Die Erfolgswahrscheinlichkeiten für agiles PM steigen aufsteigend von A nach D.
  • Liege also die meisten Antworten in den Spalten A und B überwiegen eher die Methoden des klassischen Projektmanagements.
  • Je mehr Antworten aus den Spalten C und D zutreffen desto mehr Vorteile dürften agile Methoden haben.

Jetzt gleich "agil" loslegen?

Bevor Sie "agil" loslegen, haben wir noch einige Fragen zusammengestellt. Deren Beantwortung – vor Projektstart – geben wertvolle Impulse für ein gelungenes Projekt!

Haben wir Erfahrung mit agilem Projektvorgehen?

  • Sind die benötigten Rollen (Product Owner, Scrum Master, Development Team) in der Organisation besetzt/entwickelbar?
  • Sind ausreichend Entwicklungskapazitäten für ein dezidiertes Development Team vorhanden?
  • Ist mit anderen Abteilungen (Design Control / Quality / Regulatory etc.) abgestimmt, unter welchen Voraussetzungen das Produkt agil entwickelt werden kann?

End-to-End Prozess

  • In welchem Status des End-to-End Prozesses steht das Produkt?

Externe Partner

  • Inwieweit sind externe Entwicklungs- und Produktionspartner in das Projekt eingebunden?
  • Haben die Partner Erfahrung mit agilen Methoden?
  • Welche Möglichkeit zur Gestaltung "agiler Verträge" ist im Unternehmen gegeben?

Brauchen Sie einen objektiven Sparringspartner?

Wir sind in der klassischen und agilen Welt so richtig heimisch und haben weder Vorbehalte noch Vorlieben. Wir nutzen, was am besten passt – zum jeweiligen Projekt, zu den Teams und zur Organisation. 

Aus unserer langjährigen Projekterfahrung kennen wir die Vorteile und Schwachstellen jeder Methode. Dieses Wissen teilen wir gerne mit Ihnen!

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