16.01.2017 12:39
von Kerstin Zeller

Agiles Projektmanagement anno 1807

In seinem 1807 erschienenen Werk „Phänomenologie des Geistes“ beschäftigte sich der deutsche Philosoph Hegel mit „Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft“. Sehr vereinfacht lässt sich daraus der folgende Satz herleiten:

"Der Herr ist nur dadurch Herr, weil er sich als Herr sieht und weil es gleichzeitig Knechten gibt, die ihn als Herr anerkennen."

Ohne dieses gegenseitige Verständnis gäbe es keine Herren und keine Knechte. Die Basis des modernen Arbeitsrechts strebt nach der Emanzipation des Knechts.

Die Voraussetzung

Das Agile Projektmanagement setzt genau an dieser Stelle an. Es strebt nach dem höchsten Reifegrad des selbstorganisierenden Projektteams. Oft wird postuliert, dass das Agile Projektmanagement mit einem Change verbunden sei. Das ist so nicht korrekt - das Agile Projektmanagement IST der Change.

Deshalb dürfen erst folgende Grundbedingungen für die Selbstorganisation erfüllt sein, ehe an Agiles Projektmanagement zu denken ist:

  • Vertrauen: Nicht nur zwischen den Teammitgliedern, sondern auch zu den „Führungskräften“ und, ganz wichtig, auch das Vertrauen zwischen dem Team und dem Auftraggeber
  • Kommunikation & Interaktion: offen, verbindlich und wertschätzend
  • Mut: Für eine grundlegende Veränderung in der Methodik und in der Art, wie Menschen zusammenarbeiten, gehört Mut dazu. Sowohl der Auftraggeber als auch der Auftragnehmer müssen bereit sein, einen vollständigen Paradigmenwechsel zuzulassen.
  • Störungsfreies Arbeitsumfeld: Die Knechte müssen sich auf das konzentrieren, wofür sie bezahlt werden und wo sie ihre Kompetenzen einsetzen können. Dafür muss es Herren geben, die sich um sonstige Störfaktoren kümmern und den Knechten die besten Arbeitsbedingungen ermöglichen.
  • Verbindlichkeit: Lange Sitzungen und entsprechende Protokolle (mit TO DOs und Aufgabenzuordnungen zu Personen) sind nicht alleine zielführend. Einzig und allein eine verbindliche Zusage führt dazu, dass eine Umsetzung erfolgt.

Die Hürde

Leider wird die Ideologie des Agilen Projektmanagements von vielen Unternehmens- und Projektentscheidern oft missverstanden. Das Agile Projektmanagement ist kein Allheilmittel gegen nicht funktionierende Organisationen oder Projekte. Würden wir alle die Standards des klassischen Projektmanagements korrekt verstehen und einsetzen, bräuchten wir kein Agiles Projektmanagement. Natürlich unterscheiden sich die Vorgehensmodelle. Das klassische PM wird oft nur mit dem Wasserfall gleichgesetzt und das Agile mit dem iterativen bzw. dem agilen Vorgehensmodell.

In der Umsetzung wird sich der Mitarbeiter oft die Frage stellen: „Ja aber das klassische Projektmanagement tut es auch“. Diese Wahrnehmung ist absolut korrekt. Es gibt kein Element im Agilen Projektmanagement, das es davor nicht im klassischen gegeben hätte. Hier eine kleine Gegenüberstellung:

Agil

Klassisch

 Sprintplanning I

 Anforderungsanalyse, Ziel-Workshop

Sprintplanning II 

 Konzeption

 Daily Scrum / Standup Meeting

 Gut moderierte, ergebnisorientierte und regelmäßige JourFixe

Commitment, Backlogs 

 Pflichtenheft

 Epics, UserStories, Tasks

 Ziele, Anforderungen, Arbeitspakete

 Review

 Abschlusssitzung mit Abnahme

 Retrospektive

 Konfliktklärungssitzung und Lessons learnded

 

Aus unerklärlichen Gründen hat sich in vielen Projekten, die klassisch geführt werden, etwas durchgesetzt, das ein gesundes Verhältnis zwischen dem Knecht (das operative Projektteam) und Herren (der Projektleiter) ins Ungleichgewicht gebracht hat. Das Agile Projektmanagement ist lediglich ein Ansatz, um das Gleichgewicht wieder herzustellen.

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